IHHT – Zelltraining durch gezielte Sauerstoffreize
Ein funktionell-medizinischer Ansatz: gezielte Sauerstoffreize setzen, limitierende Faktoren erkennen und die Voraussetzungen für Anpassung und Regeneration verbessern.
Was ist IHHT?
UIHHT steht für Intervall-Hypoxie-Hyperoxie-Training. Vereinfacht gesagt handelt es sich um ein kontrolliertes Höhentraining im Liegen.Während einer Sitzung atmet der Patient über eine Maske abwechselnd Luft mit reduziertem Sauerstoffgehalt und anschliessend sauerstoffreichere Luft. Dabei werden Sauerstoffsättigung und Puls kontinuierlich überwacht und die Intensität individuell angepasst.
Der entscheidende Punkt ist: Wir wollen den Körper nicht dauerhaft mit mehr Sauerstoff versorgen. Vielmehr setzen wir kurze, kontrollierte Sauerstoffreize, auf die der Organismus mit Anpassungsprozessen reagieren soll..
Warum kann Sauerstoffmangel ein positiver Reiz sein?
Unser Körper ist grundsätzlich darauf ausgelegt, sich an wechselnde Umweltbedingungen anzupassen.
Ein kurzfristiger und kontrollierter Sauerstoffmangel – eine sogenannte Hypoxie – kann verschiedene zelluläre Anpassungssignale auslösen. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Hypoxie-induzierbare Faktor 1-alpha (HIF-1α).

Unter normalen Sauerstoffbedingungen wird HIF-1α in den Zellen kontinuierlich gebildet und durch sauerstoffabhängige Prozesse rasch abgebaut. Sinkt die Sauerstoffverfügbarkeit, wird dieser Abbau gehemmt. HIF-1α kann sich stabilisieren, in den Zellkern gelangen und dort die Expression zahlreicher Gene beeinflussen, die an der Anpassung an Sauerstoffmangel beteiligt sind.
Dazu gehören unter anderem die Regulation des Energiestoffwechsels, die Anpassung der Sauerstoffverwertung, die Gefässregulation, die Erythropoese, die Glukoseverwertung, zelluläre Stressantworten sowie Anpassungen mitochondrialer Funktionen.
Wichtig ist eine wissenschaftlich saubere Einordnung: HIF-1α ist ein zentraler Regulator der akuten und subakuten zellulären Hypoxieantwort. Die konkrete Reaktion hängt von Dauer und Stärke der Hypoxie, dem Gewebe, dem Trainingszustand und dem individuellen Gesundheitszustand ab. Aus der Aktivierung dieses Signalwegs lässt sich daher nicht automatisch eine bestimmte klinische Wirkung ableiten.
Die Mitochondrien sind in diesem Zusammenhang besonders interessant. Sie sind die Organellen unserer Zellen, in denen ein wesentlicher Teil des ATP – also der unmittelbar nutzbaren chemischen Energie der Zelle – gebildet wird. Hypoxische Reize können mitochondriale Anpassungsprozesse beeinflussen; die genaue klinische Bedeutung wird weiterhin erforscht.
IHHT kann deshalb als eine Art metabolischer Trainingsreiz verstanden werden: Der Organismus wird kurzzeitig mit einer kontrollierten Herausforderung konfrontiert und erhält anschliessend eine Erholungsphase. Entscheidend ist nicht die maximale Belastung, sondern die individuell dosierte und überwachte Reaktion.
IHHT ist für mich keine alleinstehende Therapie
In meiner Praxis setze ich IHHT normalerweise nicht isoliert ein. Eine Zelle kann nur dann angemessen auf einen Trainingsreiz reagieren, wenn ihr auch die notwendigen Baustoffe und Cofaktoren zur Verfügung stehen.
Deshalb kombiniere ich IHHT je nach Ausgangslage mit funktioneller Diagnostik. Dabei können beispielsweise Mineralstoffe und Spurenelemente, Aminosäuren und Proteinversorgung, Omega-3-Fettsäuren, Vitamine und mitochondriale Cofaktoren, Darmfunktion und Mikrobiom, Entzündungsparameter, Stoffwechsel und Blutzuckerregulation, Stressregulation, autonomes Nervensystem sowie Schlaf und Regeneration betrachtet werden.
Anschliessend versuchen wir nicht einfach, möglichst viele Massnahmen gleichzeitig einzusetzen, sondern herauszufinden: Was limitiert dieses System im Moment am stärksten?
Was können Sie erwarten?
Für mich lässt sich die Wirkung sehr gut mit dem sogenannten Minimumprinzip erklären. Man kann sich den Stoffwechsel wie ein Fass mit unterschiedlich langen Dauben vorstellen. Die kürzeste Daube bestimmt, wie viel Wasser das Fass aufnehmen kann.
Genauso kann ein Stoffwechsel durch seinen grössten Engpass limitiert werden. Fehlen beispielsweise Protein, Magnesium, Eisen oder andere für den Energiestoffwechsel notwendige Nährstoffe, kann ich einen hervorragenden Trainingsreiz setzen – der Körper benötigt trotzdem die entsprechenden Voraussetzungen, um darauf angemessen reagieren zu können.
Ein therapeutischer Reiz kann nur so gut umgesetzt werden, wie es der grösste limitierende Faktor des Systems erlaubt.
IHHT kann einen gezielten physiologischen Reiz setzen. Die funktionelle Medizin versucht parallel herauszufinden, was der Körper benötigt, um diesen Reiz auch tatsächlich in Anpassung und Regeneration umzusetzen.
Was sagt die Forschung?
IHHT wird in verschiedenen klinischen Bereichen untersucht. Die Studienlage ist interessant, aber noch nicht so umfangreich und einheitlich, dass daraus pauschale Heilversprechen abgeleitet werden sollten.
Eine randomisierte kontrollierte Studie mit älteren kardialen Patienten untersuchte ein fünfwöchiges IHHT-Programm. Die Autoren berichteten eine Verbesserung der kardiorespiratorischen Fitness innerhalb der IHHT-Gruppe und bewerteten IHHT als mögliche Option insbesondere für ältere Patienten, die körperlich nicht ausreichend trainieren können.
PubMed: Dudnik et al. (2018) – Randomized Controlled Trial
Eine weitere randomisierte Studie bei geriatrischen Patienten untersuchte IHHT zusätzlich zu einem multimodalen Trainingsprogramm. Bei bestimmten Messgrössen der kognitiven Leistungsfähigkeit und funktionellen Belastbarkeit wurden stärkere Verbesserungen als in der Kontrollgruppe beobachtet.
PubMed: IHHT, Kognition und funktionelle Leistungsfähigkeit
Neuere kontrollierte Pilotdaten aus der Long-COVID-Rehabilitation zeigten bei IHHT zusätzlich zu einem standardisierten Rehabilitationsprogramm stärkere Verbesserungen unter anderem in der 6-Minuten-Gehstrecke. Da die Zuteilung nicht randomisiert erfolgte, müssen diese Ergebnisse entsprechend vorsichtig interpretiert werden.
PubMed: IHHT in der Long-COVID-Rehabilitation
Mein Fazit aus der Praxis
Ich sehe IHHT als wertvolles Werkzeug zur Unterstützung der physiologischen Regulations- und Anpassungsfähigkeit des Organismus.
Die besten Ergebnisse erwarte ich aber nicht dadurch, dass wir einfach zehn oder zwanzig IHHT-Sitzungen durchführen. Entscheidend ist für mich die Frage: Warum funktioniert der Stoffwechsel dieses Menschen momentan nicht optimal?
Wenn wir erkennen, wo der grösste Engpass liegt – beispielsweise in der Nährstoffversorgung, im Proteinstoffwechsel, in der Regeneration, im autonomen Nervensystem, im Darm oder in anderen Stoffwechselbereichen – können wir diesen gezielt angehen.
Dann bekommt IHHT einen völlig anderen Stellenwert. Wir setzen einerseits einen gezielten Trainingsreiz und schaffen andererseits möglichst gute Voraussetzungen dafür, dass der Körper diesen Reiz auch nutzen kann.
Reiz setzen. Engpässe erkennen. Baustoffe bereitstellen. Regulation ermöglichen.
IHHT ist dabei nicht die gesamte Therapie – aber es kann ein wertvoller Baustein innerhalb eines individuell aufgebauten Behandlungskonzepts sein.
Hinweis: Dieses Informationsblatt dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische Diagnose oder Behandlung.